Herrn Bundespräsident

Johannes Rau

Präsidialamt

Speerweg   10

 

D-10557         Berlin                                                                                                28.07. 2000        

 

Verehrter Herr Bundespräsident,

 

Anlässlich eines Abendessens, das Sie zu Ehren Ihres islamischen Kollegen, „Präsident Chatami“, am Dienstag, den 11.7.2000 gegeben haben, haben Sie in Ihrer Rede vorgetragen, dass das alleinige und einzige Mittel zur Lösung der Probleme der Menschheit unserer Zeit, für die regierenden Weltregime, die Demokratie sei.

Das persische freidenkende, demokratische Volk möchte Ihnen für diese Darstellung seinen höchsten Dank und seine Anerkennung aussprechen, Ihre Aussage aber auch in Frage stellen.

 

In Hinsicht auf Ihr Statement zur Demokratie und die gegenwärtigen Ereignisse im Iran, sowie die dort zur Zeit herrschende politische Atmosphäre, möchten wir, mit Erlaubnis aller hochrangigen und bedeutenden nationalen und internationalen Persönlichkeiten der Welt, zur Erklärung und Darlegung unseres Gesichtspunktes bezüglich einiger höchst fraglicher Punkte Ihrer Aussage zum demokratischen persischen Volk, Folgendes zum Ausdruck bringen:

 

Verehrter Herr Präsident, die freie Welt und unter anderem, das liberale persisches Volk, werden dann die „Demokratie“ und deren Wundermittel als alleinigen und einzigen Weg zur Lösung der Probleme der menschlichen Gesellschaft anerkennen, wenn die führenden politischen Machthaber und regierenden Personen dieser Gesellschaft, sich ohne wenn und aber auf eine vernünftige, logische Diskussion einlassen und die Rechte der Minderheiten anerkennen, akzeptieren und respektieren.  Wäre es so, dann bestände auch keine Notwendigkeit mehr weiter darüber zu diskutieren, es wäre selbstverständlich. Darüber, verehrter Herr Präsident,  wissen Sie natürlich viel genauer bescheid.

 

Wir wissen jedoch alle, dass ungezügelte und unbegrenzte Macht und absolute Herrschaft zum  Verderben der Gesellschaft führt.  Die Macht ist nämlich eine „ständige Versuchung“ , wie der französische Philosoph und Soziologe Adeline gesagt hat:

Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der unbegrenzte und ungezügelte Macht besitzt und die menschliche Gerechtigkeit nicht für seine eigene leidenschaftliche Machtgier opfert.

 

In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Monopolisierung der Macht im Iran und das jetzige Regime der Mullahs, das die politische Bedeutung und Interpretation des Begriffes Demokratie nicht wahrnehmen will, außer ihrem totalitären Regime nichts anerkannt.

 

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Darum ist es ist auch nicht glaubhaft, dass hochrangige, regierende, deutsche Politiker, als  verantwortliche Vertreter ihres Landes, Deutschland, dem in der Welt grössten wirtschaftlichen Partner des Irans, über die Resultate eines totalitären Regimes im Iran nicht informiert sein sollten.

 

Insbesondere über die Auswirkungen, die unserem Volk durch ein solches totalitäres Regime in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, kultureller und Ideeller Gestalt zugefügt werden. Abgesehen von den Resultaten der diktatorischen Wirklichkeit, mit  Willkür, Gewalt, Unterdrückung, Zerstörung, moralische Pleite, Grobheit, Verhaftung, Blutbädern, Freiheitsberaubung, moralischer Zersetzung der Gesellschaft und der Familienverhältnisse.

 

Kann man wirklich mit der einen Hand Träger der Flagge der Demokratie sein, die eine Sicherheit für die menschliche Gerechtigkeit ist und mit der anderen Hand mit diktatorischen Machthabern und geschworenen Feinden der Menschenrechte einen wirtschaftlichen Vertrag unterschreiben? 

 

Verehrter Herr Präsident, hat sich nicht etwa das Thema “Geld ist Gewissen“, welches in Realität eine politische Karikatur ist, bedauerlicherweise durch diese Einladung der regierenden Parteien, der SPD und der Grünen an einen diktatorischen Machthaber, bewahrheitet?!

Zeigt nicht diese bittere Wahrheit der Welt, dass das Geld wichtiger ist als  die Demokratie?

 

In diesem Zusammenhang hat das persische, kundige und liberale Volk, das beobachtend an allen Ereignissen teilnimmt, mit Verwunderung und Bedauern feststellen müssen, daß in Berlin, einer Stadt, die im Zusammenhang mit dem Mykonos-Gerichtsurteil das Regime in Teheran wegen Willkür und Mordes an oppositionellen Politikern verurteilt hat und einen internationalen Haftbefehl gegen Chameni und Rafsandjani erlassen hat, der Handlungsgehilfe eben dieses Regimes, Mohammad Chatami, offiziell in die Hauptstadt Deutschlands und zur höchsten Persönlichkeit dieses Landes, nämlich dem Herrn Bundespräsidenten Johannes Rau eingeladen wird.

 

Das tiefste Bedauern und Erstaunen des persischen Volkes steigert sich, wenn es beobachten und hören muss, dass die ehemalige Opposition, die den damaligen Chef der Diplomatie, Herrn Klaus Kinkel, wegen enger Partnerschaft und wirtschaftlich-politischer Beziehungen zum iranischen Regime, scharf attackiert hat und den Abbruch jeglicher Kontakte mit diesem Regime verlangt hat, nun eben dieser Chef der Diplomatie, Herr Joschka Fischer, der damals in der Opposition war und heute in der Regierungspartei dieses Landes sitzt, persönlich nach Teheran geht und dieses Willkürregime besucht und dann in Berlin ganz freudig und herzhaft die Hände des Handlungsgehilfen dieses diktatorischen Regimes, Chatami, drückt.

 

Hat etwa Herr Joschka Fischer heute gelernt, daß die Bedeutung der Oppositionellen heißt  in Opposition zu sein  und Geschmack an der Macht in der Regierung gefunden?  Mindestens aber verlangt die politische Moral von Herrn Joschka Fischer gegenüber seinem ehemaligen Kollegen eine triftige Entschuldigung?

 

Es ist nun unser grösstes Problem, die Interpretation der Theorien einer demokratischen Gesellschaft  zu verstehen. Heißt Opposition in den demokratischen Gesellschaften nur Aufstieg über die Treppe zur Macht um dann die Probleme der menschlichen Gesellschaft zu vergessen?!

 

Verehrter Herr Präsident, Sie und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, stehen in Wirklichkeit nicht einem diktatorischen Machthaber, sondern dem persischen Volk, von 70 Millionen Menschen gegenüber.  Der ehemalige Repräsentant dieses Volkes, Chef und Führer seines Landes, seine Majestät Mohammad Reza Schah Pahlavi hat, im Jahre 1973, als in Deutschland eine Ölkrise herrschte und die Kälte des Winters für eine heftige Unruhe sorgte, gesagt:

Ich werde niemals erlauben und gestatten, daß das Öl als Waffe gegen das deutsche Volk benutzt wird....  und er hat dann Öl und Gas über Rußland durch eine Pipeline nach Deutschland geliefert. Deshalb hat es nur einen Sonntag Fahrverbot in Deutschland gegeben und die Energieprobleme waren damit zum größten Teil gelöst.

Bedauerlicherweise muss das persische Volk heute, seit genau 21 Jahren die furchtbare Kälte der politischen und gesellschaftlichen Unterdrückung erleiden und ist dem Spiel seiner führenden diktatorischen Machthaber ausgeliefert, die in Allianz mit den Europäern, unter anderem der Bundesrepublik Deutschland, regiert.

 

Wir möchten Ihre geschätzte Aufmerksamkeit, Herr Präsident, noch auf ein weiteres Kapitel der Weltgeschichte lenken, als in der Mitte des zweiten Weltkrieges unser Land Gastgeber  von 750 deutschen Fachleuten war und die Leitung der Verbündeten, England, absichtlich diese Deutschen als gefährliche

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Spione bezeichnete. England verlangte die Auslieferung unserer lieben deutschen Gäste um sie vor ein Kriegsgericht und zur Verurteilung zu bringen. 

 

Seine kaiserliche Majestät, Schah von Persien, Reza Schah der Grosse, hat heftigen Widerstand geleistet und immer wieder dieses Verlangen abgelehnt. Dadurch hat er sogar ernsthaft seinen Thron in Gefahr gebracht. Er betonte jedoch: “Ich werde von meinem Thron abstand nehmen, aber auf keinen Fall werde ich mich von der persischen Kultur und Gastfreundschaft distanzieren und meine lieben deutschen Gäste an England ausliefern“?!!

Verehrter Herr Präsident, das aufgeweckte persische Volk hat mit Verwunderung und Bestürzung wahrgenommen, dass die deutsche  Medienpresse und auch die BND-Berichterstatter offensichtlich nicht den Bundespräsidenten und die deutsche Regierung informiert hatten über die grobe Verletzung der Menschenrechte, Blutbäder und barbarischen Prügeleien durch das usurpatorische, diktatorische „islamische Regime“ an jungen und alten Leuten in der Stadt Abadan, zwei Tage vor der Reise des Klerus Chatami nach Berlin. Es handelte sich um eine friedliche Demonstration, wegen Knappheit des Trinkwassers,  wobei zehn Leute getötet und etliche alte und junge Männer und Frauen barbarisch verprügelt wurden!!

 

Rechteckige Legende: Abadan
09.07.2000
                                

 

Verehrter Herr Präsident, das persische Volk, kann nicht glauben und verstehen, dass der deutsche Bundespräsident keine Zeit hatte die Berichte der Presse seines Landes zu lesen, als einen Tag vor der Reise Chatamis nach Berlin und seiner Begegnung mit dem deutschen Bundespräsidenten in Teheran, die unmenschlichen Wächter der „islamischen Regierung“, unter Herrschaft ihres „Präsidenten Mohammad Chatami“, abermals einen höchst friedlichen Studentenmarsch, mit Verteilung zehntausender Rosen an die teheranische Bevölkerung (anlässlich des Jahrestages der Razzia und des Blutbades der o.g. Wächter in den Schlafräumen der Studenten an der Universität Teheran im Jahre 1999), brutal niederprügeln ließ, was zu 32 Schwerverletzten und 375 Verhaftungen führte.

 

Unter fortwährender Verletzung der Menschenrechte durch dieses „Klerusregime“ während der letzten 21 Jahre, ist die jüngste, aktuellste Brutalität dieser unmenschlichen „islamischen Machthaber“, die ungerechte Verhaftung Ihres Landsmannes,  Herrn Helmut Höfer und seine Entführung in die grausame Gefängnishaft der „Chatami Regierung“ in Teheran, die unvermeidbar zum unmittelbaren physischen und psychischen   Zusammenbruch von Herrn Höfer führte.

 

Es ist angebracht, dass wir, als in der Bundesrepublik Deutschland lebende Perser, sowohl Angehörige  der persischen Kultur als auch der Kultur und der Gesetze dieses Landes, uns zutiefst bei Herrn Helmut Höfer dafür entschuldigen, dass sich die deutsche Regierung auf eine wirtschaftliche Vereinbarung mit den diktatorischen Machthabern des Iran eingelassen hat.

 

Verehrter Herr Präsident, Mitte des Jahres 2000 hat die gegenwärtige amerikanische Regierung unter Präsident Bill Clinton, durch ihr Außenministerium in einem offiziellen Bericht der Welt bekanntgegeben, dass die sogenannte „Organisation der Volks-Mudjahedin“ in der schwarzen Liste der Terroristen steht.

 

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Trotzdem gab es einen Auftritt dieser terroristischen Gruppierung am Brandenburger Tor, die ihre Existenz der  finanziellen Versorgung durch den „irakischen Präsidenten und der Regierung des Irak“ verdankt. Dies ist ohne jegliche Diskussion geblieben, obwohl das persischen Volk prinzipiell in den letzten 21 Jahren bewiesen hat, dass es für eine politisch souveräne, parlamentarische Lösung der Probleme seines Landes ist,

nicht aber für Gewalt und die Existenz solcher Organisationen. Wir verurteilen diese Aktionen und distanzieren uns davon.

 

Verehrter Herr Präsident, das persische Volk möchte auf die Aussage des Wirtschaftsexperten Ihres Landes bei NTV am 12.7.2000: „Nachdem Iran durch die Verteuerung des Ölpreises ein  interessantes Land für uns geworden ist...“, in aller Höflichkeit Ihnen und den regierenden Persönlichkeiten Ihres Landes folgende Antwort  geben:

 

Im morgigen freien Iran werden alle Verträge und Abmachungen mit dem heutigen Regime im Iran für das persische Volk ohne Gültigkeit sein.

 

 Die Anziehungskraft und der Charme unseres Landes liegen nicht in wirtschaftlichen Öl- Gas- Uranium – Kupfer -  und anderen Bodenschätzen, sondern im Andenken an seine siebentausendjährige, dokumentierte, edle, persische Kultur. Die 70 Millionen Einwohner unseres Landes sind die wahren Wächter und die Booten dieses Landes in der Welt. Diese erhabene Kultur hat um ca. 500 v. Chr. der Menschheit das Gesetz der Freiheit, der Menschenrechte in aller Welt, für alle Menschen, unabhängig von Zugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe und Nation geschenkt. Wir sind stolz darauf, die Ehre zu haben, den ersten Pionier und Flaggenträger der Demokratie und Menschenrechte, Kourosh (Kyros) den Grossen, (König der Könige der Welt), aus unserer Kultur hervorgebracht zu haben.

 

Verehrter Herr Präsident,  wir hoffen sehr, dass Sie diesen Brief lesen und beantworten, weil wir gern noch mehr über die Demokratie, von der Sie gesprochen haben, erfahren möchten.

 

 

Ewig lebe das kaiserliche Iran unter gelenkt durch seine edlen Kultur.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit freundlichsten Grüssen

 

 

 

 

Vorsitzender der Organisation

Badredin Dayani